Die Höhlen

Lin Lin stand auf dem Gipfel des Berges, auf einem hervorspringenden Felsblock. Vorsichtig spähte er über die Kante in die Tiefe. Was er dort unten zu entdecken hoffte, wird man niemals erfahren. Lächelnd ließ er sich auf den steinigen Untergrund sinken. Mit einer lässigen Bewegung wischte er sich den halb getrockneten Schweiß von der Stirn. Mit demselben Lächeln kramte er sich eine Zigarette aus der zerschlissenen Ledertasche. Schwindenden Lächelns stellte er aber fest, daß er wohl keine Streichhölzer bei sich hatte. Die Zigarette wurde wieder in der Tasche verstaut.
Die untergehende Sonne tauchte die staubige Landschaft in ein feuriges Rot. Die Felsen, die vereinzelt aus der Ebene herausragten, warfen lange Schatten Richtung Osten. Als Vorbote der kalten Nacht leuchtete der Polarstern am dunkler werdenden Himmel. Nur die schmale Sichel des Mondes leistete ihm Gesellschaft. Schnell verschwand die Sonne am Horizont und der Schatten legte sich vollends um die Berge dieses einsamen Tals. Nur das Zirpen der Grillen und das Gluckern der Wasserflasche, die Lin Lin gerade aus der Tasche holte, störte die Stille der Nacht. Langsam und in großen Schlucken leerte Lin die Flasche und warf sie schwungvoll über die Klippen. Das Klirren der zerschellenden Flasche blieb aber aus. Sie musste wohl in ein weiches Gebüsch gefallen sein. Doch dies störte Lin wenig, schließlich war er hier herauf gekommen, um die Höhlen zu besuchen, und nicht um das Klirren von zerspringendem Glas zu hören. Seufzend stand er auf und ging zu einem Erdloch und starrte in die gähnende Leere hinunter. Dann krabbelte er umständlich die knarrende Leiter hinab. Die feuchte Luft drückte auf die Brust und zwang Lin heftiger zu atmen. Das grelle Licht der Taschenlampe durchschnitt die dunstige Höhlung. Lin kroch keuchend auf allen Vieren den niedrigen Gang, der vor Äonen aus dem sandigen Stein grob geschlagen worden war, vom Eingang weg. Bald dehnte sich der Weg aus, sodaß man aufrecht gehen konnte. So ging es einige Kilometer in den Berg hinein, bis sich der Weg plötzlich teilte. Lin Lin setzte seine Tasche auf den feuchten Boden und kramte eine in Folie verschweißte, alte, vergilbte Karte heraus. Nach kurzem Studium der Karte wurde sie wieder sorgfältig verstaut, und Lin ging den linken Gang pfeifend weiter. Langsam wandelten sich die sonst grob behauenen Wände in fein gemeißelte Frisken. Je tiefer er in diesen Höhlengang ging, desto brillianter wurden die Wandhauereien. Mal zeigten sie eine Jagdszene, mal eine Gesellschaft, die einen Hirsch tötete und wieder einmal einen Schmied, der einen Kelch bearbeitete.
Interessiert schaute Lin sich alle Bildnisse an und lief den Weg langsamer weiter. Plötzlich endete aber die Reise vor einer kreisrunden, schweren Steinplatte, die mit zahllosen Ornamenten und Zeichen verziert war. In ihrer Mitte war der Umriss eines Kelches eingelassen, der reich mit Edelsteinen geschmückt war und darüber ein wachsames Auge. Mit gierigen Fingern strich Lin über die funkelnden Steine, die durch das Taschenlampenlicht noch mehr glitzerten. Als er aber über den prächtigsten, in der Mitte liegenden Rubin strich, drückte er ihn etwas ins Gestein. Ein leises Grollen war sofort hinter dem Stein wahrzunehmen. Erschrocken wich Lin Lin zurück. Hatte er etwa einen Mechanismus ausgelöst, der eine Falle aktivieren könnte? Mit angehaltenem Atem wartete er, doch das Grollen verstummte, sodaß man nur noch Lins erhöhten Herzschlag hören konnte. Was blieb waren die funkelnden Edelsteine. Zaghaft hob er wieder seine Hand, um den großen Edelstein in der Mitte zu betasten. Was für ein Geheimnis mag er wohl in sich bergen? Lin wollte es wissen. Entschlossen drückte er auf den Rubin, federleicht ließ er sich hineindrücken und sofort erscholl wieder das Grollen. Gebannt wartete er auf das, was jetzt wohl geschehen möge. Mit einem Ruck schob sich die Felsscheibe zur Seite und verschwand fast völlig im Gestein. Lin spürte, wie sich die Luft schlagartig in die Öffnung sog. Das Grollen verstummte. Vorsichtig lunzte Lin in die Höhle und ließ den Strahl seiner Taschenlampe suchend wandern. Was er sah, war ein kubischer Raum, der zehn Meter im Durchmesser maß. Es war sehr feucht, als wäre der Raum einst überflutet gewesen. Einziges Mobiliar war ein ca. ein Meter hoher Steinblock, der in der Raummitte trohnte. Als Lin sich dem Steinblock näherte, erkannte er, daß auf diesem eine Art Deckel lag. Mit zittrigen Händen schob er den Deckel beiseite und mit einem Scheppern fiel er zu Boden, ein langes Echo nach sich ziehend. Gebannt sah Lin nach dem Inhalt des Blocks. Doch er war mit einer braunen, schleimigen Brühe gefüllt. Lin schnallte sich seine Tasche vom Rücken, kramte einen Zollstock hervor und begann damit in der Flüssigkeit herumzustochern.
Deutlich war der Widerstand eines Gegenstandes zu fühlen. Langsam wurde der Stock wieder herausgezogen und untersucht. Er schien keinen Schaden genommen zu haben. Also krempelte Lin sich die Ärmel hoch und tauchte mit der Hand wieder in die Brühe. Schnell bekam er den Gegenstand zu fassen. Er fühlte sich rauh und doch schlüpfrig an. Als Lin ihn herauszog, entpuppte sich das Rauhe als ein grobes Tuch, das grünlich benetzt war. Das Tuch wurde entfaltet, und es kam ein goldener Kelch, der reich mit Edelsteinen besetzt war, zum Vorschein. Lin Lins Augen begannen zu leuchten. Ungläubig strich er über das Metall. Es war real. Lin musste laut lachen. Die Reise hatte sich wirklich gelohnt! Mit einer schwungvollen Bewegung leerte er den sandig, schlammigen Inhalt des Kelches in die Brühe und wischte ihn am Hosenbein trocken, sodaß der Kelch noch mehr leuchtete. Fröhlich, mit der Hand den Kelch fest umschließend, machte Lin sich auf den Rückweg. Als er die Höhle verließ, schloß sie sich, als wäre nie etwas geschehen. Nur das Auge über dem Kelch an der Tür schien jetzt zornig dreinzublicken. Aber Lin bemerkte es nicht. Die Bildnisse an den Wänden fanden nun nicht mehr seine Beachtung. Nicht das Bild einer Hetzjagd auf einen Mann, der einen Kelch in Händen hält, durch waldiges Gelände. Nicht das Bild einer Gesellschaft, die einen Mann bestialisch foltert. Und auch nicht das Bild eines Schmieds, der einen aus vielen Wunden blutetenden Mann an eine Mauer kettet. Lin Lin kam wieder an die Weggabelung, aber der Rückweg war durch einen Steinrutsch blockiert. Lin war zu müde, um jetzt den Weg freizuräumen, sodaß er dem anderen Gang folgte, um zu sehen, ob er vielleicht nach draußen führte. Dem war nicht so. Denn schon nach wenigen hundert Metern erreichte Lin eine ausgedehnte Höhle, die so groß war, daß ein kleiner Wald hier wuchs. Ermattet ließ er sich auf den moosigen Boden sinken und schlief bald, den Kelch immer noch in der Hand haltend, ein...
Das Erwachen war ein jähes, denn irgendetwas hatte ihn hart an der Seite getroffen. Er sah auf und erkannte einen gut gekleideten Mann auf einem Pferd. Hinter ihm warteten noch mehrere Männer, ähnlich gekleidet. Wortlos hob der Vordere seinen Finger und deutete auf den Kelch. Dann zog er langsam ein langes Messer aus seinem Gürtel. Entsetzt packte Lin den Kelch fester, sprang auf und ergriff die Flucht. Der Anführer der Reiter machte eine Geste mit der Hand und die anderen preschten hinter Lin Lin her. Schnell hatten sie ihn eingeholt und sogleich begannen sie mit Knüppeln nach ihm zu schlagen, bis er fiel. Mit dröhnendem Schädel erkannte Lin, wie die Reiter abstiegen, um ihn zu packen. Sie schleiften ihn aus dem Wald auf eine Art Tisch zu. Lin wurde auf ihn geschnallt. Dann kam ein großer breiter Kerl mit riesigem Schmiedehammer auf sie zu. Dieser nahm wortlos den Kelch und schaute böse auf den Gefangenen. Dann huschte ein höhnisches Grinsen über sein breites fettiges Gesicht und er zischte: "Wir sehen uns später!" Lachend drehte er sich um und ging. Dann trat wieder ein Reiter vor. Er hielt eine lange, spitze Nadel in der Hand. Und diese bohrte er genüsslich in Lins Fleisch. Lin schrie auf, dann zogen die restlichen Reiter ebenfalls lange spitze Nadeln hervor und gingen langsam auf ihn zu. Dann verlor Lin das Bewußtsein.
Grob wurde er aus einem schwarzen Traum gerissen, in welchem jemand mit einem Hammer auf seinen Kopf einschlägt. Lin sah, wie er an den Beinen durch einen langen Gang geschleift wurde, bei jeder Unebenheit schlug sein Kopf hart auf. Sofort begann er zu strampeln, doch er konnte sich nicht befreien. Ein paar Meter vor ihm ging der Schmied. Da erkannte Lin, wo er war. Er war in dem Gang mit den Bildern an den Wänden, kurz vor dem Kelchraum. Schon konnte er die runde Tür erkennen, mit ihrem Auge, das jetzt böse dreinschaute. Der Schmied öffnete die Tür und die Wächter schleiften Lin hinein. Dort wurde er in eine Nische geführt, die er vorher nicht bemerkt hatte. Hier wurde er mit den Händen über dem Kopf an die Wand geschmiedet. Der Schmied grinste bei seiner Arbeit Lin ins Gesicht. Als er fertig war, holte er den Kelch aus seinem weiten Gewand. Der Schmied hielt ihn Lin vors Gesicht und sagte in einer dunklen Sprache: "Arw ghan winoghwar Aalhabrrij ki sont zakrazh" und lachte fürchterlich. Dann wickelte er den Kelch wieder in ein grobes Tuch und ließ ihn in die Öffnung im Steinblock gleiten. Danach verließ er rasch den Raum. Die Tür schloß sich wieder und es wurde dunkel. Nur das Auge war zu sehen, das in einem schwachen Licht glühte. Es betrachtete Lin, der bewegungsunfähig an die Wand gefesselt war. Gerade überlegte Lin sich, wie lange er wohl ohne Essen überleben könnte. Oder würden sie ihn, zum Wächter verdammt, hier unten füttern wollen, in alle Ewigkeit. Doch seine Gedanken wurden von einem Geräusch jäh unterbrochen. Er hörte Wasser rauschen, und schon spürte er, wie seine Füße naß wurden. Lin begann zu schreien. Das Wasser stieg langsam aber unbarmherzig. Schon hatte es seine Knie erreicht. Lin konnte nicht mehr schreien. Als das Wasser seinen Bauchnabel erreichte, versuchte er sich mit aller Kraft sich loszureißen. Als das Wasser seine Brust erreichte, starrte er auf die Wasseroberfläche und auf das Auge, das ihn aufmerksam musterte. Das Wasser erreichte seinen Hals. Da begann er wie verrückt loszulachen.
Lin Lin hatte den Verstand verloren. Und als das Wasser über seinem Kopf zusammenschlug, lachte er immer noch. Das Auge schaute zufrieden drein...